Eine kleine Perle aus der Kölner Altstadt

Es ist stadtbekannt, dass das Kölner Original Schäl ein Schlitzohr ist, aber was er sich jetzt ausgedacht hat, ist selbst für seine Verhältnisse hanebüchen. Er macht der alten Dame Anneliese von Steinreich den Hof, die ihn aber für einen Heiratsschwindler hält, der nur ihr Vermögen erben will. Er soll seine Ernsthaftigkeit beweisen und seinen einzigen Besitz,ein marodes Mietshaus, abreißen lassen und mit einem Neubau das „Gesicht der Stadt verändern“. Scheichs aus Dubai sollen das Projekt „Schäl-Arab“ finanzieren, ein Riesenhochhaus in Form eines Kölschglases. Dumm nur, dass in dem Mietshaus viele von den Figuren wohnen, die das Hänneschen-Universum ausmachen, darunter, Hänneschen selbst, seine Liebste Bärbelchen, Tünnes, Dr. Pillemann, der schwule Herr Kistenmacher, ganz zu Schweigen von der Kaffeebude im Erdgeschoss, die im Laufe des Stücks auch zum Spielort des Widerstands gegen den Abriss wird.

Dem Hänneschen Theater in Köln scheint dieses Mal ein ziemlich großer Wurf gelungen zu sein. Das abendfüllende Stück für Erwachsene Lück wie ich un do (Kölsch für Leute wie ich und du) wurde bei der Premiere zu Recht mit Begeisterung und Standing Ovations bedacht. Der Titel bezieht sich auf einen der großen Hits der kölnischen Mundartband Bläck Fööss, von der insgesamt 16 Titel gesungen werden. Die Bläck Fööss wurden 1970 gegründet und haben im Rheinland des Status einer Kultband. In ihren Liedern haben sie dem Volk auf Maul geschaut und oft menschliche Eigenschaften und Schwächen beschrieben.

Andreas Wegener und drei weitere Mitglieder der Bläck Fööss waren am Premierenabend zugegen und sichtlich angetan. Während der Pause unkte Wegener, dass er gar nicht wisse, wie die Bläck Fööss die Titel jetzt überhaupt noch spielen sollen. Das Ganze ist im Prinzip ein Musical geworden, ähnlich wie das mit den Songs von ABBA verwirklicht wurde. Im Musical ist es oft so, dass die Handlung nur den Auftakt für den nächsten Song bietet und entsprechend dünn ist. Das Stück ist allerdings so geschrieben ist, dass es selbst ohne die Lieder für sich allein stehen könnte.

Das Zusammenkommen des Puppentheaters mit den Liedern der Bläck Fööss ist ein glückliches. Die Band hat in den Jahrzehnten ihres Bestehens immer wieder die Eigenarten der Menschen, insbesondere die der Rheinländer aufs Korn genommen. Das Hänneschen Theater ist in besonderer Tradition den stilisierten Menschentypen der Stadt verpflichtet. Wegener meinte dazu: „Ich bin selber überrascht, aber zwischen dem Hänneschen Theater und den Bläck Fööss gibt es eine ziemlich große Schnittmenge.“

1802 gegründet, ist das kleine Stockpuppentheater durchaus eine Institution in Köln und so gut wie immer ausverkauft. Die Figuren, allen voran Tünnes und Schäl sind längst kölsches Kulturgut geworden und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.

Seit dem 1. Dezember 2012 ist Frauke Kemmerling die neue Intendantin des Hauses und kann das neue Stück als großen Erfolg für sich verbuchen. Geschrieben wurde es von Udo Müller, der 1991 an die Puppenspiele kam. Er spielt neben diversen Nebenrollen vor allem den Tünnes, dem er seine ganz eigene Note verleiht. Tausendsassa Müller schrieb das Stück und führte auch Regie. Mit Lück wie ich un do hat er auf jeden Fall einen Treffer   gelandet. Er muss der Tradition und den Sehgewohnheiten des Stammpublikums Rechnung tragen, aber auch für Nicht-Kölner verständlich sein. Da das Stück in Mundart gespielt wird, versteht man nicht immer alles. Deswegen sind Slapstick-Elemente eingebaut und viele visuelle Effekte. Man muss den Text nicht unbedingt verstehen, wenn im Bläck Fööss-Lied vorkommende Ratten plötzlich als „Chor der Kanalratten“ auftauchen. Die Rattenfiguren wurden eigens für das Stück neu geschnitzt. Die Puppen der Bläck Fööss gibt es schon seit den 1980-er Jahren. Anlässlich der neuen Inszenierung hat man sie dezent altern lassen.

Es macht Spaß zu sehen, wie der Bauwahn in den Großstädten aus der Sicht der normalen Bevölkerung durch den Kakao gezogen wird, denn auch in Köln gibt es immer mehr Luxusbauten, aber kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Das ist auch ein aktuelles Thema beim derzeitigen Bundestagswahlkampf. Vielleicht sollte man die Kanzlerkandidaten mal ins Puppentheater einladen, damit sie erfahren, was das „Volk“ wirklich denkt und fühlt.

Helga Fitzner - 2. September 2013