/fileadmin/user_upload/Geschichte/1_Geschichte.jpg

Hänneschen – för uns Kölsche dat schönste Theater der Welt

So alt und doch so jung: Seit 1802 schon spielt sich das legendäre Hänneschen-Theater in die Herzen seiner Besucher. Bis heute wirkt es noch kein bisschen müde. Tag für Tag, wenn sich am Eisenmarkt der Vorhang lüftet, bringen die Knollendorfer Kölsche Geschichten aus dem Veedel auf die Bühne. Geschichten, die berühren und amüsieren. Dabei blickt das Theater selbst auf eine bewegte Historie zurück: Bevor es endgültig im Kölner Martinsviertel Fuß fassen konnte, musste es so einige Umwege gehen – sage und schreibe 17 Bühnenstationen zählt das Hänneschen-Theater. Ein Jahr waren die Puppenspiele der Stadt Köln (offiziell seit 1926 in städtischer Hand) sogar „heimatlos“, bis es in den 80er Jahren  runderneuert wurde.

He en Kölle hält m´r zesamme.  Ein Motto, das auch das Theater-Schmölzje durch dick und dünn geführt hat. Denn Hänneschen wäre nicht Hänneschen, hätte es nicht bis heute so viele Freunde, Fürsprecher, Besucher und Spieler. Mit anderen Worten: Minsche met Hätz!

Das Herz am rechten Fleck hatte ganz sicher der einstige Schneidergeselle Johann Christoph Winters. Nicht nur für Pänz und Puppenspiel, sondern auch für Kölle. Denn eigentlich kommt der Gründer des Hänneschen-Theaters ja aus Bonn ...

/fileadmin/user_upload/Geschichte/2_Geschichte.jpg

Mir nix, dir nix aanjefange

Unser Bonner Schneiderlein musste sich früh ein zweites Standbein suchen, denn sein Beruf ernährte ihn leider nur mäßig. Oder sollte man sagen: „Zum Glück“? Jedenfalls schnürte er zur Adventszeit seine Siebenmeilenstiefel und hielt auf der anderen Rheinseite mit Krippenspielen für Kinder Hof. Das Hänneschen-Theater nahm seinen Platz in Köln ein.  

Mit der Zeit wandelten sich diese „Christkrippenspiele“ zu nicht immer frommen „Kreppchen“ – nicht ganz im Sinne der Kölner Obrigkeit. Nur gut also, dass Winter während zahlreicher Genehmigungsverfahren umso frommer zu argumentierte wusste: In seinem Theater gehe es nämlich „so still zu, als wäre man in einer Kirche“’ Kein Rauchen, kein Gezänk – sondern bestes Vorbild für die Pänz!

Sein Humor gab ihm Recht. Trotz wechselnder Spielstätten hatte Winters Bühne von Anfang an Erfolg – und damit ebenso große Konkurrenz. Sein wohl schillerndster Kontrahent war der begnadete Puppenspieler Franz Andreas Millewitsch. Millewitsch? Ja, Sie liegen ganz richtig: Hinter dieser Schreibweise verbirgt sich ein direkter Vorfahre des bekannten Volksschauspielers Willy Millowitsch. 1847 noch als Puppentheater geführt, etablierten die Millowitschs ihr bis heute berühmtes, seit 1894 puppenloses, Haus. Eine typisch kölsche Institution – wie auch das Hänneschen ....

/fileadmin/user_upload/Geschichte/3_Geschichte.jpg

En Theater met Hätz un Siel

Nach Winters Tod im Jahre 1862 entbrannte ein heftiger Streit um die rechtmäßige Nachfolge. Ein Gezänk mit gutem Ausgang: Peter Josef Klotz, verheiratet mit einer Enkelin Winters, führte das Theater weiter; nach seinem Tod übernahm dessen Witwe das Zepter.

1919 dann verstarb auch das letzte Mitglied der engagierten Puppenspielerfamilie. Zwar versuchten der Heimatverein Alt Köln und der Kölnische Geschichtsverein diese einmalige Institution zu retten – doch erst im Jahr 1925 gründetet sich eine Kommission zur Wiederbelebung der Kölner Puppenspiele. Ein Segen für das Hänneschen und seine Fans: Als Puppenspiele der Stadt Köln konnte das Theater am 9. Oktober 1926 wieder eröffnen. 12 Jahre später zog die Bühne dann erstmals an den Eisenmarkt und sorgte mit einem historischen Umzug für reichlich Spektakel ...

/fileadmin/user_upload/Geschichte/4_Geschichte.jpg

Sulang mir noch am Levve sin

Typisch Kölsch geriet der Umzug zu einem geradezu karnevalistischen Volksfest: Begleitet von mehreren Tausend begeisterten Zuschauern ging es mit viel Tamtam quer durch die Stadt zur neuen Spielstätte, die schon am nächsten Tag den Betrieb mit dem Stück ,Kreppchesmächer’ wieder aufgenommen hatte.

In den 30er und 40er Jahren wurden viele Stücke im Geist der Zeit mit nationalsozialistischem Hintergrund und antisemitischen Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Eine erste Bestandsaufnahme findet sich in der theaterwissenschaftlichen Untersuchung von Hans-Peter Beyenburg, die im Auftrag des Fördervereins der Freunde des Hänneschen-Theaters  im Jahre 1991 begonnen und bis zum heutigen Tag von der jetzigen Intendantin Frauke Kemmerling weitergeführt wurde. Eine genauere Betrachtung und sorgfältige Aufarbeitung dieser Thematik soll in den nächsten Jahren erfolgen.

Düstere Zeiten brachte dann der zweite Weltkrieg auch dem Puppenspiel: Wie große Teile Kölns verschwand auch das Hänneschen-Theater im traurigen Wortsinn von der Landkarte. Bis auf wenige Puppen war alles zerstört, der Spielbetrieb musste eingestellt werden. Doch das Hänneschen hat sich nach Kriegsende wieder aufgerappelt und auf seine Holzfüße gestellt: Mit neuen Figuren des Bildhauers Willi Müller, dem neuen Spielleiter Karl Funck und drei ehemaligen Ensemblemitgliedern, die 1948 gemeinsam eine neue Truppe aus Spielern und Musikern etabliert haben. Nach erneut zahlreichen Zwischenstationen zog das Theater schließlich zurück an den Eisenmarkt, bis heute erste Adresse Kölscher Mund- und Lebensart.

/fileadmin/user_upload/hinger_dr_britz/3_HdB_1690.jpg

Das Hänneschen heute: Ziel, Profil, Botschaft einer kölschen Institution

Das Hänneschen ist die älteste ortsfeste Puppenbühne im deutschsprachigen Raum und eines der größten Puppentheater Westeuropas. Äußerst ungewöhnlich und bemerkenswert ist die Förderung durch die öffentliche Hand als „Städtische Bühne“. Es ist damit das einzige Figurentheater Deutschlands, das von seiner Stadt ganz getragen wird. Und trotz seiner schwerpunktmäßig inhaltlichen Begrenzung auf die Kölner Lokalkultur nimmt es eine Sonderstellung im nationalen und internationalen Vergleich ein. Daraus folgt eine recht hohe künstlerische Verantwortung und eine schwierige Balance zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen „Kölsch-Kultur“ und Allgemeingültigkeit des Volkstheatergedankens. 

Einige Grundsätze sind dem Hänneschen heilig. Da ist zum einen die Pflege der lebendigen  kölschen Sprache, die in Kombination mit dem gewachsenen Typenkanon die unverwechselbare Ausdrucksqualität und den besonderen Humor dieser Theaterform dokumentiert.  Da sind zum anderen die Vorgaben und Möglichkeiten einer Stockpuppe, die nicht verändert werden können und sollen.

Was veränderbar ist, sieht man unter anderem an der Weiterentwicklung der Stückinhalte und an den Dialogen. Im Zuge der Modernisierungsversuche in den 50er Jahren wurde hier angesetzt. Ein Stückwettbewerb mit über 70 Stückeinsendungen brachte aber letztendlich keine Veränderung, da diese Stücke niemals auf den Spielplan genommen wurden. Spielleiter Karl Funck (von 1948 bis 1980) setzte auf die alten Milieu-Stücke und war der festen Überzeugung, dass dies der Auftrag und die Bestimmung des Theaters sei.


/fileadmin/user_upload/hinger_dr_britz/5_HdB_1397.jpg

Das Hänneschen heute: Ziel, Profil, Botschaft einer kölschen Institution

Ein etwas zu forsches Tempo in Bezug auf die Erneuerung schlug der Spielleiter Gérard Schmidt (von 1983 bis 1988) an. Er wollte aktuell und modern verfremden, machte den Typus des schälen Filou zu einer Erotik-Parodie in Strapsen („Knolli Horror Schäl Schau“). Das Publikum war geteilter Meinung – es entstand eine Kluft zwischen Jubel und Ablehnung. Letztlich scheiterte die Konzeption daran, dass er sein Ensemble nicht geschlossen hinter sich bringen konnte. Dies ist besonders tragisch, weil er der Überzeugung war, dass nur eine Fortentwicklung durch die Bündelung aller künstlerischen Kräfte des Hauses möglich ist. 

Der Begriff „Ensembleproduktion“ als Ausdruck des gemeinsamen Entstehungsprozesses für ein Stück findet sich heute noch im Untertitel der karnevalistischen „Puppensitzungen“ für Erwachsene. Hier zeigt sich die Stärke und das kreative Potential der Puppenspielerinnen und Puppenspieler in seiner ganzen Fülle. Selbstgeschriebene Büttenreden reihen sich an Eigenkompositionen und selbstgetextete Lieder, ganze Szenen werden gebaut (z.B. die sogenannte „Wooschpräsentation“) und kabarettistische Einschläge (z.B. in der Eröffnungsrede vom Schäl), Prominenten-Imitationen oder Parodien von Fernsehsendungen würzen das Ganze noch mit einem Schuss Aktualität. Schaut man sich die Verkaufszahlen an, so scheint dies die richtige Mischung zu sein, die sich unter dem  Spielleiter und Intendanten Heribert Malchers (1988 - 2012) weiterentwickelt hat.

Malchers besondere Leistung lag unter anderem darin, den Stellenwert und die Bedeutung des Theaters  in der Kölner Gesellschaft wieder gestärkt und gefördert zu haben. Persönliche Kontakte zu Politik, Wirtschaft und Kultur und eine volksnahe Öffentlichkeitsarbeit wie die Weiterführung der beliebten Hänneschen-Kirmes  waren seine wirkungsvollen Mittel. Mit Nachwuchsproblemen in Bezug auf Autoren musste sich Malchers – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – nicht herumschlagen. Aus dem Kreis der Puppenspieler sind einige Stückeschreiber  hervorgegangen. Und die Regie ist ebenfalls hausgemacht. Unter anderem von Malchers selber. Die  Abendstücke seit 1990 schrieb und inszenierte der stellvertretende Spielleiter Peter Ulrich, Kinderstücke wurden von Malchers selber, Stefanie Brands, Iris Schlüter (Volontärin und Puppenspielerin in Vertretung), Charly Kemmerling und vor allem von Udo Müller verfasst und inszeniert. Bis 1990 arbeiteten auch Erwin Heine (±) und Hans Friedrich (±) als Autoren und Regisseure. Heribert Malchers verbesserte nicht zuletzt ganz entscheidend die Rahmenbedingungen für Spieler und Stockpuppen. Der Ausbau der Puppenabteilung, ein aufwendiger Umbau der Requisite sowie die Erneuerung des Foyers mit Mitteln der Kulturstiftung der Kreissparkasse Köln und des Fördervereins haben die Arbeit am Eisenmarkt professionalisiert und modernisiert.


/fileadmin/user_upload/hinger_dr_britz/4_HdB_1656.jpg

Das Hänneschen heute: Ziel, Profil, Botschaft einer kölschen Institution

,Spill, Hännesche, spill – un loss d’r Vürhang niemols falle!’

1988 betrat die Studentin und Journalistin Frauke Kemmerling (damals noch: Meyer) das Hänneschen-Theater, um ein Interview mit dem damals frisch gebackenen Spielleiter Heribert Malchers zu führen. Kurze Zeit später war sie Redakteurin (bald Chefredakteurin) des Fördervereinsjournals „Hinger d´r Britz“ und arbeitete von da an mit Leidenschaft für das Theater und seinen Förderverein. 

Angesteckt von der kölschen Mentalität, einer Welt voller tiefer Gefühle im Herzen von Köln, blieb sie dem Theater und seiner Stadt treu. Obwohl – oder weil? – sie nicht gebürtig aus Köln stammt, hat sie vor allem die später folgende Zeit als Volontärin im Hause (1994) nachhaltig geprägt. 

Ob als Volontärin, Manuskript-Archivarin, Aushilfs-Puppenspielerin, Regieassistentin, Redakteurin, Zeitungskritikerin, Kulturmanagerin, als Autorin der Jubiläumspublikation „Mieh Hätz wie Holz“ (2002) oder als Kuratorin mehrerer Ausstellungen zum Hänneschen-Theater, als aktives Mitglied des Fördervereins oder als überzeugte Botschafterin sowie als Freundin des Hauses hat sie dem Theater  jetzt schon 25 Jahre zugearbeitet. 

Warum? Damit es das sein kann und darf, was es ist: Ein kölsches Traditionshaus, das in der Moderne angekommen ist. Ein Theater, das in Köln seinen aktuellen Stellenwert behauptet und doch weiß, dass es eine städtische Tradition hat und ohne seine Infrastruktur und seine Mäzene heute nicht da stände, wo es steht. Ein kölsches Volkstheater, das sich dezidiert, effektiv und mit Fürsorge um seinen Nachwuchs und um die Pflege und Bewahrung der kölschen Sprache kümmern muss: In den eigenen vier Wänden und beim Publikum. Ein modernes Theater, das sich dem Kultur- Marketing und einer zeitgemäßen Präsentation und Vermarktung nicht verweigert. Ein Haus, das sein Profil schärft und selbstbewusst damit umgeht. 

Und nicht zuletzt ein traditionsreiches Volkstheater, das künstlerisch immer wieder neue Wege geht, gehen muss – und gleichzeitig sein Publikum überzeugend mitnimmt. 

„Eine neue Ära“ – schreibt die Presse zum Intendantenwechsel im Hänneschen-Theater.  Ja – und nein.  Ja – weil neue Menschen natürlicherweise neue Ideen und eine andere Persönlichkeit mit sich bringen – und nein, weil „et Hännesche-Thiater“ immer „et Hännesche“ bleiben soll und wird.