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In Köln campen die Menschen, um ins Puppentheater zu kommen

DIE WELT, 11.10.2017

Das schafft sonst nur Apple: In Köln kampieren die Menschen, um an Karten für ein Puppentheater zu kommen. Dabei verstehen viele Zuschauer nur einen Bruchteil dessen, was auf der Bühne gesagt wird.

Dass Leute vor Smartphone-Shops übernachten, wenn dort ein neues Modell herauskommt, das kennt man. Aber auf dem Eisenmarkt in der Kölner Altstadt ist ein solcher Laden weit und breit nicht zu entdecken, und doch reiht sich hier Zelt an Zelt. Männer und Frauen, meist schon etwas älter, sitzen auf Campingstühlen in der Sonne und schlagen die Zeit tot – seit Tagen. Sie warten auf Karten für die Karnevalsstücke eines Puppentheaters.

„Wir sind alle Fans vom Hänneschen-Theater“, erzählt Jupp Fasold (74). „Auch bei Regen, das macht uns nichts.“ Auf dem Platz seien schon dicke Freundschaften entstanden, sagt Willi Kreutzer (69) aus Aachen. Manche kommen seit Jahrzehnten und harrten früher bis zu zwei Wochen aus, was das Ordnungsamt jetzt auf ein paar Tage begrenzt hat. Manfred Scheid (69), der mit dem Theater aufgewachsen ist, betont: „Die Puppensitzung ist einmalig, weil sie so aktuell ist und soviel Lokalkolorit bringt.“

Drinnen wird gerade geprobt. Geräuschlos öffnet sich der Vorhang, zu sehen ist ein Kinderzimmer, in dem Barbie, Sandmännchen, das Polizeiauto und Pokémon geisterhaft umherschweben. Das Hänneschen-Theater mag über 200 Jahre alt sein, aber es geht mit der Zeit. Die Vorstellungen sind fast immer schon lange im Voraus ausverkauft, und das Publikum ist zuletzt immer jünger geworden. Dabei sind alle Stücke auf Kölsch – eine Sprache, die auch in Köln selbst nur eine Minderheit versteht. Manches Kind kommt aus dem Theater und fragt erst mal: „Warum haben die da alle Holländisch gesprochen?“

„Unser Auftrag ist, die Kölsche Sprache lebendig zu halten“, sagt Intendantin Frauke Kemmerling. Eine Theaterpädagogin bereitet Schulklassen auf den Besuch vor, es gibt Vokabelhefte und Inhaltsangaben der Stücke. „Wenn sie dann kommen, sind sie mucksmäuschenstill. Die – in Anführungsstrichen – schwierigsten Schulen sind völlig gebannt von der Welt, die sich da auftut. Sogar eher diese Kinder, die dann über Bild und Musik angesprochen werden und das Kölsche so nebenbei mitkriegen.“

Bewerber dürfen nicht allzu groß sein

Sprechen, Musik und Geräusche machen – all das ist „im Hänneschen“ live, während es bei vielen anderen Figurentheatern wie der Augsburger Puppenkiste vom Band kommt. Deshalb müssen die beiden neuen Puppenspieler, die das Theater zurzeit sucht, auch unbedingt Kölsch sprechen. Eine weitere Anforderung: Die Bewerber dürfen nicht größer sein als 1,78 Meter. Denn sonst ragen ihre Köpfe von unten in den Bühnenraum. Die Helden des Hänneschen-Theaters sind Stockpuppen, die von unten an Stäben geführt werden.

Insgesamt 15 Spieler beschäftigt die städtische Bühne, die damit zu den größten Puppentheatern Deutschlands gehört. Die Spieler erwecken die Darsteller zum Leben – sobald sie sie aus der Hand legen, entweicht es wieder. Hänneschen, Bärbelchen und die anderen festen Charaktere existieren letztlich nur für die Dauer der Vorstellung. Wer sie hinter der Bühne sucht, findet nur einen Schrank mit abgeschraubten Köpfen, ein Magazin von Rümpfen und einen riesigen Schrank voller Kleidung – klein wie für Zwerge.

Im Requisitenlager im Keller verstaubt der Schrein der Heiligen Drei Könige aus dem Dom. Ein paar Türen weiter liegt ein halber Zoo im Dornröschenschlaf: Ein Affe, ein Löwe, ein Krake und ein riesengrauer Elefant.

Oben wird Günter Grass gesucht. Es dauert eine Weile, bis der Schnauzbart gefunden ist. Selbst Donald Trump geht hier ganz brav am Stock und krault Angela Merkel sogar sachte den Rücken, wenn Puppenspieler Charly Kemmerling es nur will. Die beiden Politiker sind im Moment arbeitslos, doch die nächste Karnevalssaison kommt bestimmt.