Voll in die kölsche Seele

Kölner Stadt-Anzeiger, 04.09.2017Witzige Hänneschen-Premiere Voll in die kölsche Seele

Köln - Da werden die hohen Herren beim DFB und beim Bayern München aber ganz große Augen machen. „Da haben die Bayern-Spieler doch bei all ihren Meisterschaften und Pokalsiegen immer nur Fälschungen gebützt“, verkündete Speimanes und sorgten für schadenfreudiges Gelächter bei den Knollendorfern auf der Bühne und beim Publikum im Saal.

Meisterschale ist Fälschung

Denn die wahre Meisterschale und der echte DFB-Pokal befinden sich gut aufbewahrt in einer Vitrine in Schäls Keller. Und das schon seit 1978. Denn nach dem Double des 1. FC Köln war der damals elfjährige Schäl ins Geißbockheim eingebrochen und hatte die begehrten Fußball-Trophäen durch Kopien ersetzt. Schließlich verfügte der Junge über außerordentliche künstlerische Talente.
Die Geschichte rund um Pokal und Meisterschale sowie einige weitere Kunst- und Geldfälschungen erzählt das neue Hänneschen-Abendstück „Ne falsche Fuffziger“, das Tünnes-Darsteller Udo Müller geschrieben und in Szene gesetzt hat.
Angelehnt an die vom Stern im April 1983 mit großem Brimborium präsentieren Hitler-Tagebücher, die sie sich schon eine Woche später als Fälschung herausstellten, geht es in Knollendorf um das Tagebuch des Jan von Werth, das beweisen soll, dass der bayrische Märchenkönig Ludwig II., eigentlich ein Nachkommen des kölschen Reitergenerals ist. Schade, dass diese Lügengeschichte später auffliegt.

Kirche, Karneval und FC

Zu aktuellen Anspielungen von Pünktlichkeit der KVB bis zum Opern-Baudesaster dreht es sich um Kirche, Karneval und den FC und knallt somit voll in die kölsche Seele. Zum Finale gab es minutenlang tosenden Applaus und stehende Ovationen. Das hatte man so nach einer Premiere schon lange nicht mehr erlebt. Doch die meisten Besucher, darunter auch reichlich Kölner Prominenz, waren sich schnell einig: „Das ist mit Abstand das beste Stück seit Jahren. Ganz großartig.“
Und auch die ehemalige Puppenspielerin Grete Zimmermann, die seit ihrer Pensionierung im Jahr 2002 bei allen Premieren in den vorderen Reihen saß, geriet ins Schwärmen: “Ich wäre am liebsten hinter die Britz gesprungen und hätte noch mal mitgespielt. Hier ist alles drin, was ein gutes Hänneschen-Stück ausmacht.“

Szenenapplaus für neue Puppen

Das reicht von wunderschönen und liebevoll gestalteten Kulissen wie dem Innenraum einer Kirche und der Landschaft rund um eine bayrische Alm in Sankt Deppendorf bis zu neuen Puppen, die mit Szenenapplaus gefeiert werden.
So Bärbelchen als Polizistin, Mählwurms Pitter als Jan von Werth und seine Schwester Ann als fesche Almwirtin. Dazu der Tünnes im protzigen Gewand des Märchenkönig Ludwig II. oder eine Kuh, die die Augen verdrehen und mit dem Schwanz wackeln kann. Natürlich gibt es reichlich schlagfertige und witzige Dialoge sowie die immer wieder gern gehörten, deftigen Schimpfkanonaden.

Stimmig bis ins kleinste Detail

„Wir bringen diesmal einen richtigen Schwank auf die Bühne, der an die Wurzeln des Volkstheaters geht“, sagte Puppenspiel-Intendantin Frauke Kemmerling. Und dazu bot die von Jara Wajda geleitete Hänneschen-Band – in der Umbaupause vor dem Schlussakt auch live vor der Britz – eine musikalische Gratwanderung zwischen kölschen Klassikern und bayrischen Melodien. Durchaus mit einem Hauch von Musikantenstadl und Oktoberfest.
Dazu werden Erinnerungen an Filmklassiker wie „Don Camillo“ wach, wenn der kleine Konrad Schäl (der Fälscher der Hitler-Tagebücher hieß Konrad Kujau) oder Monsignore Gottlieb mit dem gekreuzigten Jesus Zwiesprache halten.
Hänneschen, Schäl und Mählwurm erinnern an den Krimi-Klassiker „Der dritte Mann“ sowie ans Musical „Mary Poppins“ und Zankmanns Kätt springt zur Schäls 50. Geburtstag aus einer Torte und singt im Stil von Marilyn Monroe. Dazu weht – genau wir im Hollywoodfilm „Das verflixte 7. Jahr“ – sogar der weiße Faltenrock. Das Stück ist stimmig bis ins kleinste Detail. Gut gemacht.