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Frauke Kemmerling bewundert Günter Grass zutiefst

Erstellt 10.07.2015

Mal nicht über das Hänneschen reden, das war die Vorgabe für das Gespräch mit Frauke Kemmerling. Das Thema war schnell gefunden: Günter Grass. Der Literaturnobelpreisträger ist die große Leidenschaft der Hänneschen-Intendantin.
Von Ingo Schmitz

Köln. Wie begann das mit Ihnen und Grass?


Ich erinnere mich sehr gut. Mit Grass’ Literatur kam ich in meinem Germanistikstudium in Kontakt – durch Professor Volker Neuhaus. Er war vor seiner Emeritierung der Spezialist für Grass an der Kölner Uni. Damals dachte ich: Germanistik studieren und nichts von von diesem Weltautor lesen, dass kann man doch nicht machen. Und nachdem ich aus der ersten Vorlesung von Professor Neuhaus herauskam, habe ich mir die Gesamtausgabe von Grass gekauft. Die habe ich durchgelesen, bin zu Professor Neuhaus gegangen und habe gesagt: Ich möchte meine Abschlussarbeit über Grass schreiben.

Sie haben das gesamte Werk in einem Rutsch gelesen?


Ja.

Womit fing es an?


Chronologisch, immer schön der Reihe nach: Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre und so weiter.

Und was war das Thema der Abschlussarbeit?


Am Beginn der Selbstvernichtung der Menschheit – Günter Grass’ Prosawerke der 80er und 90er Jahre.

Puh!


Ja, für zwei Jahrzehnte wurde es düster bei Grass. Da ging es in seinen Werken um die Umweltkatastrophen.

Haben Sie Grass einmal persönlich kennengelernt?

Ich durfte ihn dreimal persönlich sehen. Einmal sehr lange, und das war im Bezug auf die Abschlussarbeit. Da bin ich zu seiner Wohnung nach Behlendorf gefahren. Ich durfte ein dreistündiges Interview mit ihm führen, als Anhang und Beleg zu meiner Magisterarbeit.

Wie war er im persönlichem Umgang?

Sehr nett, sehr humorvoll, und er hatte ein sehr gutes Benehmen. Mir sind aber vor allem immer noch seine wunderbaren Hände in Erinnerung.

Ach!


Ja, wenn man ihn im Fernsehen sah, dachte man immer: Mein Gott, was für ein gewaltiger Mann, und was für ein grimmiger Kopf. Aber dieser Mann hatte ganz feingliedrige und wunderschöne Hände.

Was ist Ihr Lieblingswerk von Grass?


Das ist sehr schwer zu sagen. Hm, eigentlich eins von den Neueren: Grimms Wörter. Er geht darin durch das Alphabet des deutschen Wörterbuches, aber anhand der Geschichte der Gebrüder Grimm. Gerade in diesem Buch kommt der typische Humor von Grass durch, so wie ich ihn erlebt habe. Humor, der immer wieder durch seine unheimlich schöne Sprache aufblüht.

Ich höre viel Bewunderung heraus. Grass war aber auch ein streitbarer Mensch. Gibt es an ihm nichts, woran Sie sich reiben?


Nee, gar nichts.

Ich konnte nicht verstehen, dass er solange brauchte, um seine SS-Vergangenheit zu gestehen.


Das konnte nur für die Menschen neu sein, die sich nicht intensiver mit ihm beschäftigt haben. Er hat in jedem seiner Bücher und in allem, was er gesagt hat, nie verleugnet, dass ihn der Baldur von Schirach (Reichsjugendführer, Anm. d. Redaktion) fasziniert hat. Er hat immer gesagt: Ich war verblendet und habe mich da reinziehen lassen, und ich habe zu wenige Fragen gestellt. Und diesen Fragen, die er nie gestellt hat, hat er sein Lebenswerk gewidmet. Dafür steht doch die ganze Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges und des NS-Regimes in seinen frühen Werken. Das ist eine Aufarbeitung, die muss erst jemand mal machen.

Aber seine Mitgliedschaft in der SS hat er nicht erwähnt.


Dass er da nicht schon von der Waffen-SS gesprochen hat, dazu hat er ja erklärt, dass es einfach die Zeit brauchte, die Scham zu überwinden. Aber ich finde, er hat es immerhin noch gesagt. Wie viele Menschen haben viel mehr Schuld – Grass hat ja nie geschossen – mit ins Grab genommen. Rückblickend ist da sehr hart über ihn geurteilt worden.

Ihre Begeisterung für Grass bezieht sich auch auf seine Zeichnungen und Skulpturen?


Mit den Zeichnungen kann ich oft nur in Bezug zu den literarischen Werken etwas anfangen. Es hat mich immer fasziniert, wie er Sprache, Zeichnung und Bilder ineinander verwoben hat. Ich schätze den symbolischen Charakter der Zeichnungen. So hängt in meinem Büro beispielsweise die „Leseratte“.

Und die Skulpturen?

Er hat eine Reihe von wunderschönen Skulpturen geschaffen – vor allem die tanzenden Paare aus Bronze. Einfach wundervoll.

Seine Sprache ist opulent, so opulent wie die Speisen, die er oftmals in seinen Büchern beschreibt. Da werden Kutteln verarbeitet und Aal grün verschlungen. Haben Sie Grass gekocht?


Ja (lacht). Ich bin auch kein Freund von Kutteln. Es gibt Gerichte, die man gut nachkochen kann. In den Büchern werden ja oftmals die Rezepte genau beschrieben. Gerade Pilz- und Fischgerichte habe ich schon gerne nachgekocht. Bei einer Veranstaltung, bei der danach Speisen gereicht wurden, die er in seinen Büchern beschrieben hat, habe ich ihn beim Essen ein weiteres Mal getroffen.

Danzig ist Grass’ Geburtsstadt, die in vielen seiner Werke eine Rolle spielt. Sind Sie Grass nachgereist?


Natürlich. Ich habe mir sein Geburtshaus dort angeschaut, bin in das Restaurant gegangen, in dem er oft Boretsch gegessen hat. Ich habe mir eine Reise mit Grass-Stationen zusammen gestellt. Das war direkt nach meinen Studium.

Wenn man Sie so reden hört – Grass war ein Mann zum Verlieben.


Ich glaube schon, und der Mann hatte ja auch zwei Ehefrauen und einige Partnerinnen. Er war ein toller Mann, da ist schon was dran... Er wäre aber keiner für mich gewesen – nein, nein, nein (schiebt sie schnell nach und lacht).

Sie haben Grass gelesen, Sie haben ihn getroffen, Sie haben ihn gesprochen, Sie haben Grass’ Gerichte nachgekocht, Sie sind zu seinen Lebensstationen gereist – was kann noch kommen?


Als er gestorben war, hatte ich zwei Wochen lang Zuhause eine Beileidskarte liegen gehabt. Ich wollte sie eigentlich seiner Frau schicken, hatte dann aber Bedenken, weil ich sie im Grunde gar nicht kenne. Ich habe sie nur ganz kurz getroffen. Darum habe ich es bis heute nicht geschafft, mein Beileid auszusprechen. Das würde ich gerne noch tun. Vielleicht fahre ich im September nach Lübeck und gehe ans Grab. Und vielleicht kann ich im dortigen Günter-Grass-Haus eine Karte hinterlassen.

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